Ein Dosenfisch auf Sardinien – Nachwort
Ein Dosenfisch auf Sardinien – der komplette Reisebericht als pdf
Das ist das Nachwort zur Beschreibung einer ganz normale Autofahrt von Schwerin nach Pula – Sardinien. Am Ende des Roadmovies waren wir angekommen in einem Haus am Meer und Melancholie machte sich breit. Weil, wenn ein Ziel erreicht ist, etwas zu Ende geht. Andererseits…
Alltag
…schien uns von nun an die Sonne doppelt aus dem Hintern. Wir hatten eine eigene Treppe zum Strand, einen Pool, der jeder Schwimmhalle Ehre machen könnte und eine Villa, deren Wohnzimmer anderswo als Versammlungsraum eines mittelständischen Unternehmens durchgeht. Eines etwas seltsamen mittelständischen Unternehmens allerdings, denn der ehemalige Eigentümer der Villa – vermutlich ein Verwandter unserer Vermieter – war Großwildjäger. Unzählige Fotos an den Wänden zeigten den dicken weißen Mann mit seinem Safarihut auf riesenhaften Krokodilkadavern, mit der rechten Hand an Antilopengeweihen oder auf die Waffe gestützt über einen toten Löwen gebeugt. Immer dabei und immer im Hintergrund: ein schwarzer Mann wie aus den Tarzan-Filmen der 40er Jahre geklont. Die Obsession des weißen Kolonialisten für Jagdtrophäen gipfelte in einem Bisonkopf über dem Kamin. Wir nutzten das Wohnzimmer als Abstellkammer und bevorzugten den Aufenthalt im Freien – unter Palmen und Pinien.
Zeit bekam eine andere Bedeutung – Zeit ist temperaturabhängig lernt der Mecklenbürger bei 38 Grad. Zähflüssig lief sie uns durch die Hände wie Gelee – zwischen Frühstück um 11 und Abendbrot um 21 Uhr stand die Welt nahezu still, nur im Umblättern der Buchseiten oder im Taumel auf den Wellen war etwas Bewegung. Die Restaurants der Abende waren allesamt von unseren Gastgebern getestet und damit keine Touristenversorgungsgrills, sondern kleine rustikale Pizzerien oder Innenhofparadiese der Kochkunst. In die Nacht ging es immer gleich, auf der Terrasse mit Blick aufs Meer, Wein, Wasser und Melonen in Griffweite unter einem Sternenhimmel, der anstandslos die Gespräche schluckte und das Lachen und uns, wenn wir erschöpft von der Faulheit der Tage, in die Zimmer begleitete. Durch die kleinen Fenster schaute Kassiopeia und der Geruch von Räucherstäbchen hielt die Mücken fern. Erst einen Tag vor Abreise machten wir uns auf, drei Dosen zu erobern.
Dosensuche
Drei Dosen, drei Volltreffer. Eine oben, auf felsigem Hügel mit Blick in ein geschwungen-grünes Tal auf der einen und auf die rauhe, felsige Klippenküste auf der anderen Seite. Die zweite – noch ungefunden laut Pocket Query – in den Klippen, laut Listing auf einer Kanutour gelegt, aber über einen kleinen Spaziergang um die Buchten herum, über Geröll und glattes Gestein, recht schnell zu erreichen. Die letzten Meter erforderten etwas Trittsicherheit, doch kaum hatte ich den Anblick von Meer, Felsen und Gischt richtig genossen, tat Tante Hannah schon den richtigen Griff und wir loggten als zweite nach einem Team aus Buxtehude. Der dritte Cache dann war eine echte Touristendose, am Turm von Chia, Blickfang an einem kilometerlangen Sandstrand, der Weg steilan zum Turm gepflastert, die Dose etwas abseits genau am Rand der Felsen, dort wo es tief hinab ging zum Meer. Ganz klein wird der Mensch in dieser Weite und so zerbrechlich… Dann legte sich Dunkelheit auf die Strände und wir aßen sardische Bratwurst auf einer Terrasse an der Landstraße. Am nächsten Tag beluden wir den Passat.
Heimfahrt
Noch einmal quer durchs Land, noch einmal auf die Fähre, noch einmal in den italienischen Verkehr. In Genua spuckte uns das Schiff am Sonnabend früh an Land und ein letztes Mal vor der relativen Ordnung der Autobahnen waren wir Teil des kreativen italienischen Verkehrschaos. Was den deutschen StVO-Geprüften am Anfang erschreckt hatte, war mittlerweile zu einer lieben Gewohnheit geworden. Die Motoroller, die – und das ist wörtlich gemeint – immer und überall sind, die unverhofften Fahrmanöver, diese, nur Scheuklappen-Fahrern als lebensmüde erscheinenden, Spurwechsel. Wer einmal akzeptiert, dass weiße Linien in Italien als Vorschlag gemeint sind und wer gelernt hat, einfach immer mit allem zu rechnen, der langweilt sich später in Berlin oder Schwerin oder den Käffern dazwischen. So jedenfalls ging es mir. Nach Staus auf der Brennerautobahn und vor München erreichten wir Berlin noch bevor der Sonntag angebrochen war.

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