Ein Dosenfisch auf Sardinien – Kapitel 2

3. August 20102 KommentareEiner von 576 Beiträgen von sandmann

Ein Dosenfisch auf Sardinien – der komplette Reisebericht als pdf

Sie erinnern sich, geneigte Leser, an das Ende des 1. Kapitels: Die Alpen bezwungen, die Schweiz durchquert, aber ach! Ohne Internet schien uns das Leben – naja, zumindest die Kommunikation, sinnlos. Irgendwie. Und jetzt der Anschlusssatz: Mit dieser Klage, mit etwas Schinken, Brot und Käse brachten wir genug Zeit rum – Italien dräute am Horizont Ende der Straße und dort erwartete uns…

Verkehrsteilnehmer
…eine Mogelpackung. Eigentlich erwarteten uns gleich zwei. Erklär ich: Eine ganze Weile lang tat Italien nämlich so, als wärs die Schweiz. Einziger Hinweis darauf, dass wir das Land gewechselt hatten, waren die Tunnel, die nämlich leuchteten nun nicht mehr sauber und lampenhell, sondern dort war es rußgrau und dunkel wie im Auspuff eines Fiat Panda. Und als dann Italien endlich anfing, wie Italien auszusehen, mit kastigen Häusern, deren Fensterläden geschlossen bleiben, mit Terrakottafarben und Beregnungsanlagen auf kleinen Feldern, in der Poebene nämlich, mussten wir feststellen, dass der Begriff “Po” gänzlich in die Irre führt. Alles war flach und weit und voller Sonne und gar nicht symetrisch-doppel-rund gehügelt. Dass die Autobahn in diesem Ambiente dennoch Geld kostet, hatten wir uns erzählen lassen – die Kleingeld-Spenden aus dem Auftritt auf dem Killesberg erwiesen sich hier von Anfang an als sehr nützlich. (Bei jeder Station allerdings befiel mich Panik, was, wenn die Schranke nicht aufgeht und ich nach einer Stunde rumprobieren und mich-doof-anstellen verantwortlich sein sollte für das größte Verkehrschaos seit Italienergedenken? Doch dazu kam es nicht, die Automaten funktionierten und waren dabei genauso hingebungsvoll und freundlich, wie die Kassierer, die hier und da noch nicht durch Maschinen abgelöst waren.)

Ja, noch immer war die Autobahn unser Zuhause – seit der Abfahrt in Kornwestheim am Morgen hatten wir dieses großartige Zivilisationszeugnis nicht verlassen und langsam fühlten wir uns ausschließlich wie Verkehrsteilnehmer. Und über dieses so-sein definierte sich auch unser natürlicher Feind: die Polizei. Wir hatten von strikten Strafen gehört und wollten alles, nur nicht zu schnell sein. Immer schön wie vorgeschrieben, immer schön sachte und unauffällig. Allerdings mussten wir bemerken, dass “sachte”, “wie vorgeschrieben” und “unauffällig” gar nicht zusammen passen. Auf der Autobahn nämlich wurden wir zu einem Hindernis, weil sich die Italiener um uns herum als flexible Bleifüßer erwiesen – flexibel, weil Vorausfahrende ihre schweren rechten Beine angesichts von Polizeikontrollen blitzschnell auf die Bremse umsetzen konnten. Aber der Passat verzögert ja auch ganz ordentlich. Einmal musste er das besonders heftig unter Beweis stellen, als ein telefonierender Schlipsträger seine Familienkutsche unvermittelt nach rechts treiben ließ. Seitdem weiß ich auch, wie die Hupe meines Wagens klingt. Zum Verkehr, das sei angekündigt, zum Verkehr wird noch einiges zu sagen sein.

Gott ist Italiener
Zum Abend hin wollten wir von Verkehrsteilnehmern wieder zu Menschen werden und das geschah ziemlich genau um 19 Uhr zwischen Piacenza und Parma. Da brachen wir auf ins Landesinnere, eine Pension zu finden, in den Appennin, einem Gebirgszug stattlicher Ausprägung, wie wir erfahren durften. Und diese Appennin kamen wie Sauerländer Heimatbowle daher, dieses Gesöff aus in Wodka eingelegten frischen Früchten, die mit Sekt aufgegossen – nunja – genossen werden. Wie Sauerländer Heimatbowle – erst sanft und angenehm, dann aber heftig und durchaus bewegungsverzögernd kam das Gebirge auf uns zu. Die Straßen schmal und kurvig, links eine Zementfabrik, rechts ein Stausee im Werden und als gerade alles in hinterster Provinzialität zu vergehen schien, stand rechts ein Schild mit der Aufschrift “Willkommen” in vier Sprachen. Weiter ging also die Achterbahnfahrt auf einspurigen Straßen steil bergauf, Straßen, die selbstredend wie zweispurige zu fahren sind, und dann gabs eine dieser Begegnungen, die mehr für ein Land werben, als jeder Reiseführer. Eine klitzekleine alte Frau nämlich hatten wir auf Zimmersuche aus ihrem Haus geklingelt, mitten in der serpentinenden Pampa, eine klitzekleine Frau, die uns nicht verstand aber dennoch bereit war alles zu tun, damit die beiden germanischen Riesenbabys kriegen, was sie wollen. Mit den berühmten Händen und Füßen machte sie uns verständlich, dass es da jemanden gibt, der uns versteht (die Hoffnung hatte ich im Übrigen schon immer) und schließlich lieferte sie uns ab bei einer Frau, deren Englisch zu keiner Klage Anlass gab. Die Dame mittleren Alters hatte nach wenigen Minuten ein kleines Landhaus angerufen, ja, die haben Zimmer frei, uns eine charmante Wegbeschreibung gezeichnet und dazu noch voller Freude festgestellt, dass wir ja aus “East-Germany” kommen. Schön, dass wir reisen dürfen, freute sie sich und wir freuten uns mit. Bergauf brauchen Nachrichten offenbar etwas länger, aber davon werden sie ja nicht schlecht.

La Locanda Dei 2
Eine schwarzhaarige Frau, vielleicht 30, schlank und schön und mit einer Reibeisen-Stimme wie ein italienischer Schnulzensänger öffnete uns an besagtem Landhaus die Tür. La Locanda Dei 2. Das aber war kein Landhaus, wie wir erfuhren, sondern eine ehemalige Poststation auf dem Berge, hier hatten einst die reitenden Boten und die Postkutscher die Pferde gewechselt, seit sechs Jahren aber ist es eine Art Lodge, ein Gästehaus – es gibt Zimmer und kleine Appartements, es gibt viel Platz drumherum zum dumm herum Sitzen in Liegestühlen, an derben Holztischen oder zum Liegen in Hängematten. Es gibt Wein und eine exquisite Karte mit einem schwäbischen Ausreißer drauf. Maultaschen. Die Gastgeber – zur schwarzhaarigen Schönheit gehört ein muskulöser Mann mit auffälligem Kinnbart – sprechen deutsch, englisch und holländisch, das ist den Gästen geschuldet und italienisch sprachen sie, als wir dort waren, wenn sie ihre Ruhe vor unserer Schwärmerei haben wollten. Nach einem Essen, das so wunderbar war, wie kaum eines bisher in meinem wenig gourmethaften Dasein, nach einem Mahl – Wein… mmmmmhhh, Wurst, Schinken, Salat, Brot, Tortellini mit Zucchini, Rindfleischstreifen auf Ruccola, Karamelcreme… nach einem regelrechten Feuerwerk der Aromen, waren wir Italien-Fans… Wir hätten diesem Land in diesem Moment sogar beim Fußball die Daumen gedrückt. Im Ernst. Denn es ging ja noch weiter: Zikaden zirpten sich die Flügel wund, eine alte Kapelle leuchtete matt in Sichtweite, ein Duft von Kräutern, frisch gesprengtem Gras und weißem perligen Wein stieg in die Nase, dazu eine unbedeutende Note Hofhund und eine bedeutende Note Frauenduft, wenn die Gastgeberin vorbei ging. Aber das kann am Wein gelegen haben, der mir nicht nur in die Nase gestiegen war.

Der Weg zu Sandra und Claudia, die Treppe hinauf unters Dach, führte uns weit nach Mitternacht an mindestens 20 Pirelli-Kalendern vorbei. Alle zeigten mehr oder minder ausgezogene Schönheiten des Monats Juli – von 1990 bis heute. Oder noch länger. Oben angekommen, entschied ich mich für Sandra, die war etwas schräg, aber das war, wie ich mich bei Hannes überzeugen konnte, Claudia auch. Ich stieß mir zweimal den Kopf, dann aber wurde Sandra doch sehr zuvorkommend – einladend und weich war ihr Bett und groß. Ihr Nebengelass: ein Traum, mit Bidet sogar, mit Olivenölseife und weißen, duftenden Handtüchern. Die Pirelli-Kalender, die Zimmer mit Frauennamen – das schien uns seltsam, ohne Frage, aber doch konsequent. Und keinesfalls 0815. Ein Pluspunkt, ganz sicher. Der Tag endete mit einer Reportage über die Improvisationskunst der Heimwerker in der DDR, solange jedenfalls, wie der Laptop durchhielt. Strom nämlich, Strom gabs bei Sandra und Claudia – und sicher auch allen anderen Zimmern dieses Landes – nur mit Adapter.

Doppelpass
Am Morgen entschieden wir uns gegen die Autobahn. Von Pass zu Pass wollten wir rollen, hier einen Espresso, da einen Cappucchino, beides konnten wir mittlerweile fehlerfrei bestellen, hier ein Blick, da ein Foto. Etwa 80, 100 Kilometer lang war das ein Genuss. Es existiert ein Video von einer Abfahrt – 15 Minuten meditatives Serpentinenfahren, fast wie “Die schönsten Bahnstrecken der Welt” nachts auf dem RBB, oder dem MDR oder so. Dann folgte das La-Spezia-Debakel – wir waren gezwungen die Stadt zu durchqueren, warum auch immer, dann folgten 30 Kilometer Küstenstraße, mit 50 von Ampel zu Ampel und lauter lebensmüde Rollerfahrer – an jeder Ampel lebensmüde Rollerfahrer… und, das Allerschlimmste: Ich bekam Hunger. In diesem Verkehrschaos aber war an Essen nicht zu denken, also hofften wir auf einen Park, irgendein öffentliches Grün, auf dem wir unsere Picknick-Plane ausbreiten können. Nichts da. Zwischen La Spezia und Livorno gibt es an der Küste keinen Quadratzentimeter öffentliches Grün. Es gibt Parkplätze, Clubs, umzäunte Oasen aber nichts, dass uns hätte zufrieden stellen können. Am Ende aßen wir an einem Randgewässer des Lago di Massaciuccoli kurz vor Pisa, an einem staubigen Weg, ein Denkmal, das an den Weltkrieg erinnerte nebenan, und als uns dann eine enorm halbstarke Gruppe aus dem benachbarten Wohnwagenlager im Vorbeigehen recht intensiv beäugte, zogen wir es vor, unseren Weg fortzusetzen. Achja. Von da an wusste ich, warum es manchmal trotz Ökogewissen günstiger ist Butter in kleinen Plastepackungen zu kaufen. Naja… jetzt liegt ein Handtuch auf dem Rücksitz. Von Pisa sahen wir wenig später einen Hypermarkt französischen Typus. Da ließ sich gut einkaufen. Für den Abend und die Fährfahrt. Wir Turmbanausen, wir.

Livorno
In Livorno, der Fährstadt, hielten wir am Kanal. Ruderer stellten sich unten am Wasser auf für ein Mannschaftsfoto – sechs junge Männer in hautengen, schwarzen Ringertrikots – Hose und Trägerhemd in einem – athletisch, schlank, groß. Die setzten sich in ein Boot, das, so schien es mir, eher dafür vorgesehen war, rund und gemütlich auf dem Wasser zu dümpeln, als elegant von sechs Adonissen übers Nass getrieben die Wellen zu durchschneiden. Und Zack, waren sie weg. Weggerudert. Andere Länder, andere Ruderwettbewerbe… Am selben Kanal, nur einige Kilometer weiter, setzten wir uns rauchten, schauten der Palme zu, die im nahen, aber verschlossenen, Festungshof wachsend sich spiegelte im Türkis, dann gingen wir spazieren, über einen Marktplatz, groß wie ein Fußballfeld, die Straße wie eine Stadionbahn drumrum – zwei steinerne Cäsaren standen als Torhüter ohne Tore an den Seiten, nur springend und flitzend entkamen wir hier dem Verkehr. Schließlich fanden wir uns nach dem ersten echten Spaziergang unserer Reise auf den Stühlen vor einer Bar wieder, einer Bar, die so nobel schien, dass wir den Preis für zwei Literflaschen Edelwasser und zwei Cappucchini (o?) – 10 Euro – fast freudig bezahlten. Hätte deutlich schlimmer kommen können. Wie gefordert, zwei Stunden vor Abfahrt unserer Fähre rollten wir in den Hafen und sahen zum ersten Mal…

Im nächsten Kapitel verladen wir uns selbst und lernen, dass auf Moby-Fähren eine ungeheure Toleranz herrscht. Wir fahren einmal quer durch Sardinien – der Passat meistert eine Flussdurchfahrt und dann sind wir am Ziel. Theoretisch jedenfalls.

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2 Kommentare »

  • A.B. sagt:

    Danke für diese Mitfahrgelegenheit! :o )

  • Chris601 sagt:

    ich will URLAUB! Noch 21 Tage…

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