Ein Dosenfisch auf Sardinien – Kapitel 1

1. August 20105 KommentareEiner von 576 Beiträgen von sandmann

Ein Dosenfisch auf Sardinien – der komplette Reisebericht als pdf

Heidelberg
Heidelberg ist der Nabel der touristischen Welt. Hier am Neckar gibt es eine kaputte Burg und ein bisschen Garten drumrum und den Neckar selbst und mindestens eine schöne Brücke. Heidelberg hat eine ganz alte Universität und wird in den Reiseführern der Welt offenbar als Prototyp eines deutschen Städtchens geführt. Das mag zu tun haben mit den amerikanischen Soldaten, die sich rund um das Städtchen zahlreich versammeln. Wieder zu Hause erzählen die natürlich von der Stadt und zack, fahren alle ihre Bekannten hin. (Für die vielen Japaner muss ich mir noch eine Erklärung einfallen lassen)

In Heidelberg streiten sich die Bürger um eine neue Stadthalle, dass da allerdings ganz in Schlossruinennähe Neubauten errichtet werden, die der sozialistischen Plattenbauarchitektur alle Ehre machen könnten, scheint ihnen egal. Aber: Heidelberg hat mindestens zwei furchtbar gastfreundliche Einwohnerinnen. Ihretwegen führte unser Weg von Berlin nach Kornwestheim über Heidelberg und ihretwegen erhält das Städtchen nun einen Platz in diesem kleinen Reisebericht. Denn bis auf die Tatsache, dass am Rande der Schlossruinie Käse, Wurst und Obst ganz hervorragend munden und dass bei Regen immer ein Unterstand da ist, weiß ich gar nicht viel selbst Erlebtes vom Neckar zu berichten. Die Innenstadt – verpasst, Caches verpasst. Aber: zwei äußerst erfreuliche Begegnungen genossen und lecker gespeist. (Notiz an mich – beim nächsten Mal konsequent sein. Ganz oder gar nicht. Und in diesem Falle wäre “ganz” angebracht gewesen.)

Kornwestheim
Konwestheim ist nun die zweite pulsierende Metropole, die zu besuchen wir die Freude hatten. Über unsere Gastgeber hier kann ich gar nicht soviel schreiben, sie wären nicht einverstanden mit einer hemmungslosen Lobhudelei, das wäre ihnen peinlich, denn bescheiden sind sie auch noch, die Schlemmercacher. Bescheiden und voller Rücksicht. Und so nahm Frau Schlemmercacher auch unser Ansinnen ohne Spott, nicht etwa die Kulturschätze Stuttgarts, eines Vororts von Kornwestheim, zu bewundern, sondern vielmehr nach einer Badehose und einem Strohhut Ausschau zu halten. Wir fuhren gen Stuttgart, denn in Kornwestheim, da kauft niemand ein, da lebt der Bürger fern der aufdringlich-bunten Warenwelt. Luxuriös, wa?

In Stuttgart, dieser Trichterstadt, dieser Stadt mit hunderten Treppen in die Hänge, dieser Stadt mit dem riesengroßen Autohaus, dieser “wenn-Daimler-hustet-ists-Ländle-krank-Stadt” in deren Stadtplan wie ein Alibi der Killesberg als grünes Herz auf die falsche Seite gesetzt wurde, in Stuttgart sind wir erstmal über den Hamburger Fischmarkt gehirscht. Der geht offenbar auf Tournee. Und dann haben wir die Sachen gekauft. So einfach war das. Im Kaufhaus. Bemerkenswert: Ich habe die Kassiererin nicht verstanden, als sie nach einer Treuedingenspunktesammelkarte fragte. Ich hab dann einfach sehr ahnungslos geguckt und leicht fragend gesagt… Nein…? Zum ersten Mal auf Reisen fragte ich mich da, obs wirklich so eine gute Idee war mit der Fremde… von wegen der Grundqualifikationen und so…

Und dann kam der Moment, indem Charme die Welt bezauberte. Frau Schlemmercacher ging selbstbewusst in eine VW-Werkstatt, bezirzte einen zuständigen Mann, so dass der seinen Mechaniker anwies, die von uns mitgebrachte Glühbirne vorn rechts in den Passat einzubauen. Sofort, ohne Papierkram, ohne Faxen. Da wurde kurz die Welt rosarot. Nein, das ist nicht übertrieben.

Warum Stuttgart
Aprospos Tournee. Fischmarkt – Tournee – Sie erinnern sich – ist schon ein paar Sätze her… Nochmal: Aprospos Tournee. Warum überhaupt Stuttgart? Klar – Badehose, Strohhut… Markthalle vielleicht? Die ist vielleicht toll! So viele Sachen! Allein schon eine Reise wert! Aber jetzt mal im Ernst – warum Stuttgart? Antwort: Weil ich schon immer Mal auf dem Killesberg auftreten wollte. Und: hab ich gemacht! Naaaa… nicht auf der weltbekannten Freilichtbühne zwar, aber eben doch auf dem Killesberg. In einem Naturfreundehaus. Und dabei hab ich – leider – musikalisch eher schlampig agiert. Aber die Schwaben sind so höflich und schreiben Lob in die Logs.

Die Stimmung war aber auch toll – nur ich war grottenschlecht. Rein handwerklich. Konnte die eigenen Lieder nicht. Hab Töne nicht getroffen und Texte vergessen. Und die Gitarre… decken wir das Schallschutzkissen des Schweigens darüber.

Nein, das Publikum war großartig und dass alle in der Lage waren, über die Fehler hinwegzusehen zeigt ja: Wir alle waren gekommen, um einen guten Abend zu haben. Schiet aufs Handwerk. Also nochmal: ein toller Abend, große Stimmung, sehr angenehme Menschen überall.
Bliebe noch zu sagen, dass der Auftritt ursprünglich als Lesebühnenabend geplant war, dann aber doch sehr dosenfischig wurde – ein Event-Listing half, den Termin zu verbreiten – wiederum die Schlemmercacher waren so freundlich, alles Organisatorische in ihre Hände zu nehmen.

Die Schweiz
Der Passat liebt die Autobahn. Der raunzte dieselig vor sich hin, so gleichmütig, die Klimaanlage ließ uns in einer Blase reisen, 24 Grad konsequent, während die Welt über 38 stöhnte. Und gänzlich im Gleichmut erreichten wir die Schweiz bei Schaffhausen, die letzte Raststätte mit Internetzugang hatte eine Vignette spendiert und uns die Berner Alpen erklärt. Später wurden die Berge bergiger, die Straße kurviger. Irgendwann war sie dann keine Autobahn mehr, zur Rechten: der Luzerner See in seinem blau-türkisen Ton, der unwirklich schien, wie die Spiegelbilder der faltigen Berge. Surfer, Segler… Alles Deko. Gibts doch gar nicht da oben.

Und dann der Gotthard. Wir sind Männer, wir wählten den Pass. Wir wollten übern Berg kommen, nicht durch. Unsere Bremsen stöhnten vorher schon, doch das übertönten die Maserati-, die Porsche- und Daimler-Flundern mit noch viel echteren Männern am Steuer, als wir es je sein werden. Männer, die statt eines unrasierten Kerls ein schickes Mädel neben sich haben und deshalb ein wenig, ich sag mal, intensiver, Auto fahren. Doch auch sie mussten zunächst kapitulieren vor den Rennradkaravanen und den risikoscheuen Kleinwagentouristen, die fotografierten während der Fahrt und sich quälten immer die Serpentinen rauf. Bis dann der jeweilige Bolidenpilot die Schnauze voll genug hatte und sein Überholmanöver Gevatter Tod Freude machte.

Ohje!
Die Stimmung kippte. Bergkoller? Sauerstoffmangel? Eisbrocken säumten den Weg, Nebel hing in den Bergen, die Kurven wollten gefahren sein und überhaupt, wo ist hier der Horizont, verdammt nochmal. Wer will angesichts dieser lebenfeindlich einzwängenden Enge noch ernsthaft behaupten, die Berge seien voll Zauber. Voll Nebel sind die und voller Raser. Und der Himmel, der ist werweißwo.
Dann schenkte Hannes mir seinen Kaffee und der Nebel verzog sich, die Radfahrer verschwanden, die Raser waren wie von unsichtbarer Hand von der Straße geschnippst, wir rollten bergab nach Italien. Sagte Hannes. Italien, sagte Hannes und ich glaubte es. Die Bremsen rochen komisch. Als wir weiter fuhren mit unseren frisch erworbenen Lebensmitteln und im Supermarkt alles mit Franken erstanden hatten, dämmerte “Tessin” in unsere Hinterköpfe und hätten wir nicht den Mund voller feinster Salami gehabt, wir hätten hemmungslos gelacht über unsere Dummheit.

Wieviel Einwohner hat eigentlich das Tessin, fragten wir uns. Und wie lange haben die am Gotthard gebaut? Und: Haben Schweizer Käsefüße? Und die Antworten lauteten: “100.000? 200.000? – keine Ahnung”, “Werden schon ein paar Jahre gewesen sein” und “Haha!” Wir waren nicht nur sprachlich amputiert, wir erfuhren auch nichts. Wo ist Wikipedia, wenn man sie braucht… Unsere Reiseführer kündeten ausschließlich von Sardinien – wir waren am Ende. Wir fragten uns, wie in diesem Falle, so ganz offline, eigentlich eine normale Kommunikation möglich sein soll. Man äußert ja nur Vermutungen – schrecklich. Mit dieser Klage, mit etwas Schinken, Brot und Käse brachten wir genug Zeit rum – Italien dräute am Horizont Ende der Straße und dort erwartete uns…

Im zweiten Kapitel sind wir in Italien und verbringen eine wundervolle Nacht. Ich sag nur: Sandra und Claudia. Vorher feiern wir Geburtstag und nachher frusten wir uns an der Küste entlang. Livorno ist toll. Und die Fähre! Aber die wird wohl erst im dritten Kapitel… na mal sehen.

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5 Kommentare »

  • rabazzo sagt:

    Wow, ganz großes Kino.
    Wunderbar geschrieben. Chapeau!
    Und sogar noch ein “Cliffhanger”: Kann es kaum erwarten, den Bericht über die wundervolle Nacht mir Claudia und Sandra zu lesen ;)

  • Frau HonigDrache sagt:

    Herrlich!

    So lob ich mir die Pause beim Arbeiten: Wenn ich schon keinen Podcast habe zum Hören, dann wenigstens den zweiten Teil des suuper Reiseberichtes lesen.

    Ich bin schon ganz gespannt auf die nächsten Teile!

    LG aus dem Hamburger Süden

  • Oliver Münk sagt:

    Toll – bei Deinen Erzählungen ist man wirklich Haut na dabei

  • Yeti82 sagt:

    Hallo Sandmann,

    diesen Reisebericht könntest Du nur noch besser machen, indem Du ihn vorliesest, um ihn zu einer Art Zwischen-den-Folgen-Sandmann-Solo-Podcast in mehreren Aufzügen zu verarbeiten; eher wie ein Hörbuch sozusagen. Ich hör Euch halt gerne und damit auch Dich. Aber das kostet ja alles Zeit und Traffic und das war nur so ein Gedanken, den ich beim Lesen hatte.

    Hat Spaß gemacht, zu lesen. Ich freue mich auf die kommenden Teile. :-)

    Liebe Grüße aus Hamburg,
    Yeti82

  • Chris601 sagt:

    Dafür! Bitte vorlesen!

    Nicht, dass ich es nicht gern gelesen habe und dabei auch förmlich die Stimme vernommen habe, aber vorgelesen würde es mir noch besser gefallen!

    Super bericht bisher!

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