Über den Dächern der Stadt

30 Juni 2008 9 KommentareEiner von 459 Beiträgen von sandmann

Im Vordergrund der Pfaffenteich, dahinter der Ziegelsee

Von oben, hoch vom Dom, ist Schwerin unentschieden. Die von unten passablen Bürgerhäuser verschachteln sich aus der Höhe gesehen und werden piefig und geduckt. Nur einen Augenblick weiter, ein Vierteldrehung nur, strahlt ein See sein Blau in die Ferne und auf einmal ist die Stadt weit und graziös.

An den Mauerlöchern ist ein Stein aufgemauert worden, damit die neuen Gitter halten. Der Letzte hatte sich 2003 von hier in einen matschigen Tod gestürzt, nun sind die Löcher gestopft und nur Tauben finden hindurch, um in die Gänge zu kacken.

Dass wir heute alleine hier sind, liegt an kindlicher Ungeduld und einer brummigen Küsterin, die zwar die Tür aufschließen, nicht aber Besucher hindurch bitten wollte vor der Zeit, sich aber schließlich den Kinderaugen ergab. Nur ihretwegen sind wir jetzt schon, kurz nach Verklingen der Gottesdienstorgel über den Dächern der Stadt.

Die Gottesdienstorgel: Was für ein Monstrum. Was für eine Wand sie da durch die Kirche schiebt, der Jesus am goldenen Kreuz scheint zu schwingen überm Altar – dem Unheiligsten noch wird so das Evangelium in die Ohren gedrückt.

In Wahrheit ist es ein erhabener Moment, wenn die Orgel erklingt und das Nackenhaar sich an den Hals schmiegt und wenn sie verklingt gleich noch einmal.

Foto: Sebastian ScheffelBeim Aufstieg zählt das Kind die Stufen, verzählt sich mehr, je länger der Aufstieg dauert, oben sagts, es regnet, dabei sind es Tropfen von meiner Stirn. Tropfen nicht zuletzt der Glocke wegen, die kurz zu Dreiviertel einmal schlug ganz nah an unseren Ohren. Wär es 12 gewesen, wir wären akustisch zerstört.

Der Innenraum des Turms ist Backstein, nicht verkleidet, etwas Holz ragt aus den Wänden, zwei gegenüberliegende Türen, eine Abseite aus derben Bohlen, ein tief im Mauerwerk liegendes Fenster, mehr nicht. Wir schreiben unsere Namen ins Buch und staunen über die Stadt über der Stadt, weichen Taubenkacke aus und laufen dreimal Kreis, nur weil es geht.

Hinab zählen wir gemeinsam die Stufen und 226 wird uns niemand ausreden können.

9 Kommentare »

  • cyberberry sagt:

    Sehr schöner Beitrag, aber noch besser ist der Log…
    …Ich hoffe Tante Hannah hat es verschmerzt, dass sie kein Eis bekommen hat? ;-)

  • rehwald sagt:

    Heut lag Schnee auf dem Markt? Komisch :-D .
    Aber schöner Beitrag. Gibts da keinen Lift? Dann muss ich den geplanten Besuch dort wohl noch mal überdenken ;-) , denn meine beiden “Tanten” wollen getragen werden, bei so vielen Stufen.

  • sandmann (Autor) sagt:

    Den Schnee hab ich mit Photoshop gemacht. ;-)

  • sandmann (Autor) sagt:

    @ cyberberry

    Tante Hannah hat Brause gekriegt. Sonntagsbrause, Auf dem Markt.

  • hans fallada sagt:

    Lieber Sandmann, du hast dich mit diesen Zeilen wieder einmal fast selbst übertroffen. Die Geschichte ist nicht nur sehr interessant geschrieben, vielmehr sie macht auch neugierig. Auf Schwerin, auf den Dom, auf wer ist Hannah …

    PS: Ich wünschte das auch andere Cacher sich mal ein Beispiel an deinem Log nehmen. Hier wird die oftmals aufwendige Arbeit des Owners noch mit wahrlich schönen Zeilen geehrt und gewürdigt und so schliesslich respektvoll gedankt.

    Grüße aus Nordsachsen.
    Hans.

    PS: Man war ich überrascht als ich in einen der Anfang Dreisiger Podcast (33b) meine Namen aus euren Mündern hörte. Es bleibt spannend. Mal sehen ob ihr mich einholt, wenn ich vor Lampenfieber weglaufen würde…

  • D-Buddi sagt:

    ich kanns nicht so schön schreiben, war aber wirklich ein schöner Cache 8-)

  • rabazzo sagt:

    Ganz große Poesie!

  • ivalo sagt:

    Schöne Geschichte, sehr gern gelesen. Ich war seinerzeit in etwas kälterer Zeit ebenfalls alleine dort, habe auch einige Zeit benötigt, das Ding zu finden.
    Just heute war ich auch auf einem Turm, da gabs einen Fahrstuhl, Herrn rehwald wirds freuen:
    GC19CFH

  • rehwald sagt:

    Da war ich sogar schon mal drauf. Damals gabs aber sowas wie Geocaching gar nicht und ich konnte grad so über die Brüstung gucken. Sind ja bald Ferien…

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